 Insolvenzstatistik 2005 aus ÖsterreichLernen mit Pleiten zu lebenPleiten im Viertelstundentakt In den ersten neun Monaten des Jahres 2005 wurden 5.326Unternehmen insolvent. Das sind um 17% mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Das bedeutet - bezogen auf eine Arbeitswoche von 40 Stunden - eine Pleite alle 17 Minuten. Dabei stiegen die eröffneten Insolvenzverfahren um 6,9% auf 2.334 - die abgewiesenen Konkurse jedoch um 28% auf über 3.000. Wer immer eine Entspannung auf dem Insolvenzsektor erwartete -und dazu gehörte auch der KSV - wird durch diese Zahlen jedenfalls falsifiziert und auch in seiner Erwartung enttäuscht. Besonders betroffen war mit 836 Fällen die Branche der unternehmensbezogenen Dienstleistungen; das ist die klassische Branchengruppe der Kleinstunternehmen, neue Selbstständige und Einzelkämpferinnen und -kämpfer. Gefolgt von Gastgewerbe und Bauwirtschaft. Die Interpretation der Fakten: Volkswirtschaftlich bedeutsam ist nicht die Zahl der veröffentlichten Gerichtsbeschlüsse, sondern die Größe und Bedeutung der davon betroffenen Unternehmen; also z.B. die Höhe der Verbindlichkeiten eines Betriebes. Und hier zeigt sich schon auf den ersten Blick, dass trotz steigender Zahlen die betroffenen Verbindlichkeiten sogar zurückgingen, und zwar um 12 % pro eröffnetem Verfahren. Dies hat vordergründig mit dem weitgehenden Fehlen von Großinsolvenzen zu tun, bestätigt aber einen Trend, der schon seit geraumer Zeit beobachtet werden kann. Die Pleiten werden kleiner, die Verluste pro Fall sinken. Ähnlich verhält es sich mit den betroffenen Arbeitsplätzen: Die Anzahl der eröffneten Insolvenzverfahren stieg doppelt so stark an wie die Zahl der Dienstnehmer. Dazu Hans-Georg Kantner, Leiter des Insolvenzbereiches im KSV: "Ermittelt man das Gewicht der Insolvenzen, also deren Widerhall in unserer Wirtschaft, so erkennt man, dass sie in Wahrheit sinken bzw. nur minimal ansteigen. Mehr Fälle bedeutet nicht gleichzeitig mehr Schaden." Der Wettbewerb frisst unsere Unternehmen Analysiert ein Experte den Unternehmensverlauf vor der eingetretenen Insolvenz, so lässt sich mit einer gehörigen Portion von Wissen im Rückblick die Ursache ermitteln und auch erkennen, was der Unternehmer wann hätte anders machen müssen. So isoliert betrachtet entsteht nun leicht der Eindruck, dass diese Insolvenz vermeidbar gewesen wäre. Insolvenzen in unserem Wirtschaftsleben haben aber nur scheinbar den Grund, dass ein Unternehmer Fehler gemacht hat. In Wirklichkeit sind sie Ausdruck des Wettbewerbsprinzips: einer gewinnt, andere verlieren im Wettbewerb. Wer ständig verliert muss den Markt verlassen. Es ist eben nicht für alle Platz am Markt. Jeder, der den Markt verlässt, macht Platz für bessere Anbieter - und die nächste Wettbewerbsrunde kann beginnen. Schon aus dem Grund ist der Ansatz verfehlt, Insolvenzen vermeiden zu wollen. Sinnvoller ist es, sich über eine zweite Chance für Unternehmer den Kopf zu zerbrechen, oder ihnen ein "Time Out" zu geben, das sie in die Lage versetzt, Fehler zu korrigieren und dann besser zu werden. Letztendlich entscheidet aber der Wettbewerb, ob Marktteilnehmer dennoch aufgeben müssen. Im übrigen sind Unternehmer in den seltensten Fällen Betriebwirte: sie sind viel eher Tischler, Mechaniker, Fuhrwerker oder versuchen sich als Gastwirte. Sie wollen den Erfolg und sehen das Risiko nicht. Sie sind optimistisch und wollen ihre Ideen verwirklichen. Sonst wären sie nämlich Beamte geworden, Lehrer vielleicht. Unter Umständen sogar Lehrer für Betriebswirtschaft. Ist Wettbewerb gesund? Seit Jahren werden wir mit dem Werbeslogan "Geiz ist geil" darauf hingewiesen, dass es nicht immer richtig ist, die Kaufentscheidung nur vom Preis abhängig zu machen. Dass billigste Produkt ist nicht selten ein sehr schlechtes Produkt; der Zuschlag an den Billigstbieter hat schon manchen Auftraggeber selbst ruiniert. Die Öffentliche Hand - also unsere Spitzenbeamten und die Politiker, die unser Land verwalten, sollten daher beginnen, mit gutem Beispiel voranzugehen, und nicht blindlings den niedrigsten Angebotspreis "anklicken". Wer eine mittelständische Wirtschaftsstruktur schätzt und erhalten möchte, der muss eben "mittelständisch" bestellen, auch wenn das scheinbar teurer ist. Denn dass Monokulturen in einer Wirtschaft großen Schaden anrichten können, haben die Agrarökonomen schon gelernt; jetzt müssen das die Bundes- und Landesbeschaffungsagenturen auch noch begreifen. Auf welchem Niveau Wettbewerb wirklich gesund ist, und ab wo er krank macht, lässt sich nicht definieren. Wenn aber Kleinunternehmen sterben wie die Fliegen, und das ist letztlich der Befund der Insolvenzanalyse, dann muss die Beschaffungspolitik mit ihrer Billigstrategie kurz einmal nachdenken. Lernen, mit Pleiten zu leben. 1995 war das Jahr der Konsumpleite. Es war und ist bis heute das Jahr mit den höchsten Insolvenzausfällen und den meisten betroffenen Dienstnehmern. Es schien damals allen Beteiligten der notwendige Zenit der Insolvenzkurve zu sein. Es konnte nur noch bergab gehen mit den Pleiten. Und es ging auch bergab. Allerdings nur vorübergehend. Seit Jahren verzeichnet Österreich wieder ein Insolvenzniveau, das nicht fallen will. Trotz aller gut gemeinter Novellen des Insolvenzrechts und eigens geschaffenen Reorganisationsverfahren wollen die Insolvenzen nicht fallen. Die Wirtschaft hat daher keine andere Wahl, als sich auf Insolvenzen einzustellen. Durch besseres Risikomanagement, durch bessere Früherkennung von Ausfällen, durch schnelleres und wirksameres Mahn- und Inkassowesen; durch Versicherung der Forderungen gegen Ausfälle und durch Verkauf der Forderungen samt dem Risiko des Ausfalles. Heute riskieren gute Unternehmer ihr sauer verdientes Geld nicht mehr im "Debitorenroulette". Sie kennen ihr Risiko und sie steuern es. Mit der Hilfe von Finanzdienstleistern. Das Ergebnis lässt sich an den Insolvenzzahlen rechnerisch leicht nachvollziehen. Kreditgeber verlieren einfach weniger Geld als noch vor 10 Jahren, wenn ein Abnehmer in Konkurs geht. Der Gründerboom der letzten 10 Jahre wurde allseits gefeiert. Die scheinbare Kehrseite des Gründerbooms ist das Scheitern junger Unternehmen. Mehr als die Hälfte der insolventen Unternehmen ist zum Zeitpunkt des Konkurses keine 10 Jahre alt. Das heißt aber nicht, dass nur die Hälfte der jungen Unternehmen durchkommt. Dieser Schluss wäre gänzlich verfehlt. Es stellen aber die ersten 7 Jahre die typische Bewährungsfrist für jede Unternehmung dar. Wenn dieser Trend anhält - und einiges spricht dafür - dann wird es eines Tages tatsächlich für einen Jungunternehmer keine persönliche Schande und keine gesellschaftliche Ächtung mehr bedeuten, wenn er oder sie in Konkurs gehen muss. Immerhin bietet Österreich jedem Unternehmer im Konkurs eine faire zweite Chance auf ein Weiterwirtschaften. Eine Chance, die in vielen Ländern überhaupt nicht existiert; in Deutschland zum Beispiel. Ausblick auf das Gesamtjahr 2005: Unter den gegebenen Umständen muss nüchtern darauf hingewiesen werden, dass Österreich im Jahr 2005 - wie schon 2004 - auf einen Pleitenrekord zugeht. Einen Rekord, der nachdenklich, aber nicht depressiv machen darf. Auf einen Rekord, der aber die Strafjustiz hinter dem Ofen hervorholen sollte. Wenn mehr als 7.000 Unternehmen in einem Jahr insolvent werden, dann darf es nicht wundern, dass immer öfter findige Typen den Insolvenzrummel dazu ausnutzen, sich unerkannt davonzustehlen. Genau diese findigen Typen aber sollten weder eine zweite Chance, noch überhaupt so bald eine Chance auf unternehmerische Wiederbetätigung erhalten, findet Hans-Georg Kantner, Leiter des Insolvenzbereiches im KSV. Der Privatkonkurs: Mittlerweile haftet dem Privatkonkurs in Österreich nichts Privates mehr an. Über 12 % Steigerung bei den eröffneten Verfahren gegenüber dem Vorjahr erbrachten in den drei Quartalen 2005 über 3.900 Verfahren. Auch hier Besorgnis erregend die starke Zunahme der Abweisungen mangels Masse: Dies sind nach der Novelle 2002 nahezu ausschliesslich Gläubigeranträge gegen Schuldner, welche aber selbst keine Entschuldung anstreben oder jegliche Kooperation mit dem Gericht ablehnen. Die Gründe für die Überschuldung privater Personen sind vielfältig. Vorrangig muss aber darauf hingewiesen werden, dass der drittfinanzierte Konsum wesentlicher Teil unseres Wirtschaftsmechanismus geworden ist und auch als Konjunkturstütze dringend benötigt wird. Nicht nur die Öffentliche Hand kann eine Wirtschaft kaputtsparen - auch der Konsument kann durch überzogenes Sparen der Wirtschaft den erforderlichen Optimismus nehmen, der unverzichtbarer Teil jedes Aufschwunges ist. Gerade Österreich als Tourismusland muss Verständnis dafür haben, dass und in welchem Ausmaß privater Konsum Teil unserer Wohlstandsmaschinerie ist. Das Privatkonkursverfahren markiert bei seiner Eröffnung die Wiedereingliederung überschuldeter Menschen in unsere Gesellschaft. Das Verfahren verlangt jedem Schuldner ein hohes Maß an finanzieller Disziplin ab; es bringt aber für die Gläubiger über die Laufzeit mehrerer Jahre ernsthafte Quoten auf ihre offenen Forderungen, und zwar im Bereich von ca. 12 %, gerechnet über alle eröffneten Konkurse. Der Blick zu unserem deutschen Nachbarn zeigt, dass Österreich über das von Anfang an bessere Verfahren verfügt. In Deutschland gab es anfangs keine Kostentragung der Amtskassen und daher auch kaum Verfahren. 2002 hat man dieses Manko behoben - jetzt kosten die Verfahren zu viel, und die Justizkassen der Bundesländer wollen da nicht länger mitmachen. Denn das deutsche Verbraucherinsolvenzverfahren kennt keine Mindestquote. Getreu nach dem Grundsatz: "Was nichts kostet, ist auch nichts wert" wird daher dieses Verfahren weder von den Schuldnern, noch von den Gläubigern oder den Gerichten wirklich geschätzt. Daher droht dort das Ende des Konkursverfahrens. Wer also eine Abschaffung der indirekt geltenden Mindestquote von 10 % fordert, muss damit rechnen, dass das gesamte Konkursverfahren für Private seiner Funktion beraubt und mittelfristig abgeschafft wird. Mindestquote und Mindestsorgfalt: Von Seiten der Konsumentenschützer und Schuldnerberater wird oft der Wunsch geäußert, dass Banken bei der Kreditvergabe noch strenger auf die Zahlungsfähigkeit der Kreditnehmer achten sollten. Die verantwortungsvolle Kreditvergabe wird da gefordert. Gleichzeitig erlebt allerdings der KSV ständig die Beschwerden jener Personen, welche den von ihnen beantragten Kredit mangels Bonität nicht erhalten, sei es Bankkredit oder Kredit in Form von Versandware oder Telefonie auf offene Rechnung. Wer verantwortungsvolle Kreditvergabe fordert, muss auch "ja" zu verantwortungsvoller Bonitätsinformation sagen. Der KSV unterstützt die kreditgebende Wirtschaft seit 40 Jahren mit Informationen, die nach Prinzipien der Gegenseitigkeit zur Verfügung gestellt werden. Seit dem Vormarsch der Mobiltelefonie und dem Internet-Vertrieb spielen neben dem Versandhandel auch diese neuen Marktsegmente eine zunehmend wichtige Rolle in unserem täglichen Leben. Kredit auf Zuruf ist angenehm und bequem. So bequem, dass wir ganz überrascht sind, wenn dieser Kredit einmal nicht so reibungslos im Hintergrund geprüft und gewährt werden kann. Das Recht auf Geheimhaltung und Datenschutz ist in unserer Gesellschaft ein verfassungsmäßig gewährtes Grundrecht. Doch ganz konsequent zu Ende gedacht, bedeutet dieser Datenschutz das Ende des reibungsfreien Kredites. Denn wer tatsächlich auf Zuruf unbesichert Kredit erhalten will, muss sich wohl oder übel finanziell abchecken lassen. Und wenn das schnell gehen soll, dann muss der Check schon vorbereitet sein, sonst funktioniert er nicht. Ausblick auf die Zukunft: In den Datenbanken des KSV stehen ca. 90.000 in Österreich lebende Personen, die bei mehr als einem Lieferanten Zahlungsanstände (Inkassoaufträge, Klagen, Exekutionen) verursacht haben. All diese Menschen müssen als kreditunwürdig und wahrscheinlich zahlungsunfähig eingestuft werden. Daher ist jeder Versuch zu begrüßen, den diese Menschen machen, um ihre Schulden in den Griff zu bekommen und über ein funktionierendes Verfahren abzuzahlen. Für das Jahr 2005 kann mit mehr als 5.000 eröffneten Konkursen gerechnet werden; für 2006 ist ebenfalls mit weiteren Steigerungen zu rechnen. Autor: Dr. Hans-Georg Kantner Wien, 12.10.2005 Nähere Informationen bei Nina Stuttmann, KSV-Unternehmenskommunikation, Tel. 050 1870-8182
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